Herkunft und Geschichte
Der Bergamasker Hirtenhund (italienisch Cane da pastore Bergamasco) ist eine alte Hütehunderasse aus den italienischen Alpen. Laut FCI-Standard war er im ganzen Alpen- und Voralpenraum verbreitet, besonders zahlreich in den Tälern um Bergamo, wo die Schafzucht in großem Stil betrieben wurde. Die Hirten brauchten ihn, um die Herden bei der Transhumanz zwischen den Almen und der Po-Ebene zu treiben. Schon ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert zeigt die Rasse, ins italienische Zuchtbuch wurden die ersten Hunde 1891 eingetragen.
Der Klub für Ungarische Hirtenhunde erzählt die ältere Legende: Phönizische und römische Soldaten sollen Hunde dieses Typs nach Italien gebracht haben. Wegen des "Ziegenhaars", das beide Rassen gemeinsam haben, vermutet der Klub eine Verwandtschaft mit dem Briard. Bis heute wird der Bergamasker in Norditalien von Schafhirten eingesetzt.
Heute gilt der FCI-Standard Nr. 194, Gruppe 1 (Hütehunde und Treibhunde), Sektion 1 (Schäferhunde), mit Arbeitsprüfung; die gültige Fassung stammt von 2020. Im VDH betreut der Klub für Ungarische Hirtenhunde e.V. (KfUH) die Rasse: 1984 wurde ihm die Zuchtbuchführung für den Bergamasker übertragen. Der Klub schreibt: "Der Bergamasker ist ein sehr seltener Hund."
Wesen und Charakter
Der Standard beschreibt einen Hund, der Herden führt und bewacht, mit Wachsamkeit, Konzentrationsfähigkeit, Gelassenheit und Geduld. Lernfähigkeit und Entschlussfreude machen ihn zum idealen Wach- und Begleithund; aggressiv oder ängstlich darf er nie sein. Der KfUH nennt hohe Intelligenz, Geduld und Ausgeglichenheit, "absolut zuverlässige Wachsamkeit" und starke Menschenbezogenheit. Im Alltag heißt das:
- Er ist ruhig und gelassen. Im Haus ist er meist ein unaufgeregter Mitbewohner, der laut KfUH auch Stresssituationen gut verträgt.
- Er bewacht. Haus, Hof und Familie hat er im Blick, Besuch meldet er an. Fremden gegenüber kann er anfangs zurückhaltend sein, eine gewisse natürliche Zurückhaltung gilt laut Standard als typisch für Hirtenhunde.
- Er denkt selbst. Er hat lange selbstständig an der Herde gearbeitet. Er arbeitet gern mit seinem Menschen zusammen, aber als Partner, nicht als Befehlsempfänger.
- Er braucht Familienanschluss. Laut KfUH ist enger Kontakt zur Familie für ihn sehr wichtig; Zwinger- oder Kettenhaltung lehnt der Klub ab.
Der KfUH beschreibt ihn als "besonders kinderlieb". Wie bei jedem großen Hütehund gilt trotzdem: Spiel mit kleinen Kindern beaufsichtigen.
Größe und Aussehen
Ein kräftiger, rustikaler Hund, quadratisch gebaut: Rumpflänge gleich Widerristhöhe. Unter dem Fell ist er stark bemuskelt, mit breiter, tiefer Brust und geradem Rücken. Der Kopf wirkt durch das über das Gesicht fallende Haar groß; besonders lange Wimpern heben den Vorhang aus Haar von den Augen.
Das Fell ist das Markenzeichen. Am Vorderkörper ist das Haar rau wie Ziegenhaar und bildet gewellte Zotten, ab der Brustmitte nach hinten ist es wollig und bildet breite, flache Filzplatten, die von der Rückenlinie seitlich herabhängen. Die Zotten bilden sich ab 12 bis 15 Monaten und wachsen über Jahre weiter. Farben laut Standard: einfarbig grau oder grau gefleckt in allen Schattierungen bis Schwarz, Isabell- und helle Falbtöne erlaubt, ganz schwarz nur bei wirklich mattem Schwarz. Weiß auf mehr als einem Fünftel des Körpers ist ein disqualifizierender Fehler.
| Rüden | Hündinnen | |
|---|---|---|
| Widerristhöhe | 58-62 cm (ideal 60 cm) | 54-58 cm (ideal 56 cm) |
| Gewicht | 32-38 kg | 26-32 kg |
| Lebenserwartung | 13-15 Jahre | 13-15 Jahre |
| Fell | Zotten: Ziegenhaar vorn, Wollfilz hinten | gleich |
Größe und Gewicht stammen aus dem FCI-Standard, die Lebenserwartung aus dem Rasseporträt des AKC; der KfUH nennt etwa 13 Jahre und mehr.
Bewegung und Alltag
Der KfUH beschreibt einen ausgeprägten Bewegungsdrang: Der Bergamasker braucht ausreichend Auslauf, am liebsten gemeinsam mit seinen Menschen. Plane mindestens eine Stunde am Tag ein, auf zwei Runden verteilt, dazu Aufgaben für den Kopf. Allein im Garten beschäftigt er sich nicht selbst.
Ideal ist laut Klub ein Haus mit eingezäuntem Garten. Eine Stadtwohnung geht nur mit viel Auslauf, und ein großer Hund mit dichtem Fell trägt Laub und Matsch ins Haus. Das Fell schützt vor Kälte und hilft auch bei Hitze, die Körpertemperatur zu regeln; im Sommer gehören Schatten, Wasser und Bewegung in den kühlen Stunden dazu.
Als Ausgleich nennt der KfUH Begleithundeprüfung, Breitensport, Fährtenarbeit und Rettungshundearbeit. Wer Zugang zu einer Herde hat, kann ihn auch hüten lassen.
Erziehung
Was funktioniert: frühe Sozialisierung, Welpenschule und Training, bei dem der Hund versteht, warum er etwas tun soll. Der Bergamasker lernt gern und ist laut KfUH kooperativ, will aber mitdenken. Stures Wiederholen langweilt ihn, Härte beschädigt das Vertrauen.
Typische Schwierigkeiten:
- Eigenständigkeit. Hält er ein Kommando für sinnlos, setzt er es nach eigenem Ermessen um. Kurze, abwechslungsreiche Einheiten und klare Belohnung helfen.
- Zurückhaltung gegenüber Fremden. Den Welpen mit vielen ruhigen Besuchern, Orten und Situationen bekannt machen.
- Bewachen. Er passt auf Haus und Grundstück auf; bring ihm früh bei, dass du entscheidest, wer willkommen ist.
- Hüteverhalten gegenüber rennenden Kindern, Radfahrern und anderen Tieren.
Pflege
Der KfUH schreibt, die Pflege sei "entgegen der allgemeinen Meinung" mit vergleichsweise wenig Aufwand verbunden: Die typische Haarstruktur entwickelt sich weitgehend von selbst, gelegentliches leichtes Überbürsten genügt. Der Züchter zeigt neuen Haltern in der Regel, wie es geht. Der AKC beschreibt es etwas anders: Wenn Ziegen- und Wollhaar um den ersten Geburtstag erscheinen, wird der Filz einmal von Hand in flache Platten der richtigen Breite getrennt. Das dauert ein paar Stunden oder ein paar Abende, danach ist es erledigt. Später nur noch kontrollieren, dass neue Platten nicht zu einer großen zusammenwachsen.
Ein Bergamasker haart nicht und braucht laut AKC nur zwei- bis dreimal im Jahr ein Bad. Volle Zotten trocknen sehr lange: an einem warmen Tag waschen und das Wasser mit Handtüchern ausdrücken. Scheren solltest du ihn nicht, weil das Fell bei der Temperaturregelung hilft. Krallen regelmäßig kürzen, Ohren und Pfoten auf Kletten und Grannen prüfen.
Gesundheit
Der KfUH beschreibt eine robuste Gesundheit und eine unkomplizierte Ernährung. Auch der amerikanische Rasseclub kennt keine Krankheit, die die Rasse als Ganzes betrifft. Worauf du beim Züchter achten solltest:
- Hüft- und Ellbogendysplasie (HD/ED). Der KfUH führt unter seinen Zuchtuntersuchungen das Röntgen auf HD und OCD sowie auf ED; ausgewertet werden die Aufnahmen laut Klub von unabhängigen, erfahrenen Gutachtern. Röntgenuntersuchungen hat der Klub schon 1965 eingeführt.
- Zuchtzulassung. Zur Zucht lässt der KfUH nur Hunde zu, die die Körung bestanden haben, und Welpen kommen erst nach der Besichtigung durch einen Zuchtwart ins Zuchtbuch. Welche Untersuchungen für den Bergamasker genau vorgeschrieben sind, sagt dir der Rassebeauftragte.
- Degenerative Myelopathie (DM). Der amerikanische Rasseclub empfiehlt einen Gentest für Nachwuchs, wenn ein Elterntier Träger ist; ein Problem in der Rasse ist DM laut Club derzeit nicht.
Frag für beide Elterntiere nach den HD- und ED-Befunden und lass dir die Ergebnisse zeigen.
Kosten
Ein Welpe aus VDH-Zucht kostet meist etwa 1.200 bis 1.800 €. Würfe sind in Deutschland selten: Rechne mit Warteliste, langer Anfahrt oder einem Züchter im Ausland. Erste Anlaufstelle ist der Rassebeauftragte des KfUH.
Laufende Kosten pro Jahr, grob:
| Posten | ca. pro Jahr |
|---|---|
| Futter (Hund von 26-38 kg) | 500-750 € |
| Hundesteuer | je nach Gemeinde, z. B. ca. 80-150 € |
| Hundehaftpflicht | ca. 60-90 € |
| Tierarzt (Durchschnitt über ein Hundeleben) | ca. 350-500 € |
| Hundefriseur | kaum nötig, das Fell wird nicht geschoren |
Auf den Rasselisten der Bundesländer steht der Bergamasker nicht. In NRW gilt aber jeder Hund ab 40 cm Widerristhöhe oder 20 kg als "großer Hund", das betrifft jeden Bergamasker: Anzeige bei der Behörde, Sachkundenachweis, Haftpflicht und Chip sind dann Pflicht. In Niedersachsen brauchen alle neuen Halter einen Sachkundenachweis, und die Hundehaftpflicht ist in mehreren Bundesländern vorgeschrieben.
Für wen er passt und für wen nicht
Passt zu:
- Familien mit älteren Kindern, die einen ruhigen, treuen und wachsamen Hund wollen
- Haltern mit Haus, eingezäuntem Garten und Zeit für gemeinsame Unternehmungen
- erfahrenen Hundehaltern, die einen eigenständigen Denker schätzen und kooperativ trainieren
- Menschen, die einen Hund suchen, der nicht haart, und das besondere Fell lieben
Passt nicht zu:
- Ersthaltern, die einen unkomplizierten, gehorsamen Hund suchen
- Menschen in einer kleinen Wohnung oder allen, die den Hund lange allein lassen
- Haushalte, die Matsch und Laub im Fell und einen Hund, der ewig trocknet, nicht gelassen nehmen. Ein großer Herdenschutzhund mit Schnüren: Komondor; ein kleiner Hütehund mit Schnüren: Puli; ein Langhaar-Hütehund, der gebürstet wird: Bobtail