Herkunft und Geschichte
Der Islandhund ist die einzige Hunderasse Islands. Laut FCI-Standard stammt er von den Hunden ab, die die ersten Wikinger-Siedler zwischen 870 und 930 mitbrachten. Auf den Höfen ohne Zäune trieb er Schafe, Rinder und Pferde zusammen, suchte verschollene Schafe im Schnee und meldete jeden, der ins Tal kam. Das Bellen gehörte zur Arbeit: Er bewegt das Vieh mit der Stimme, nicht mit den Zähnen.
Fast wäre die Rasse verschwunden. Laut dem amerikanischen Rasseclub ISAA lebten in Island 1869 rund 24.000 Hunde. Eine hohe Hundesteuer, eingeführt gegen einen Bandwurm, der auch Menschen befiel, drückte die Zahl bis in die 1880er auf etwa 10.000; dazu kamen Staupe-Seuchen, und 1901 verbot Island die Einfuhr von Hunden. Der Brite Mark Watson fand um 1950 echte Islandhunde fast nur noch in abgelegenen Tälern und brachte einige nach Kalifornien, um sie zu retten. 1967 begann Sigríður Pétursdóttir auf dem Hof Ólafsvellir eine planmäßige Zucht, 1969 wurde der isländische Kennel Club HRFÍ gegründet, auch zum Schutz der Rasse.
Heute arbeiten die Zuchtvereine international zusammen: Die 1996 in Schweden gegründete ISIC (Icelandic Sheepdog International Cooperation) verbindet die nationalen Clubs, um die genetische Vielfalt der kleinen Population zu erhalten. Gültig ist der FCI-Standard Nr. 289, Gruppe 5 (Spitze und Hunde vom Urtyp), Sektion 3, nordische Wach- und Hütehunde, ohne Arbeitsprüfung, endgültig anerkannt 1972.
In Deutschland betreut der Deutsche Club für Nordische Hunde (DCNH) im VDH die Rasse seit 1980. Damals kamen die meisten Islandhunde aus dem Kreis der Islandpferdezüchter; 1980 trug der Club 15 Welpen ein, 2014 waren es 92 aus 18 Würfen. Eine Massenrasse ist er bis heute nicht.
Wesen und Charakter
Der FCI-Standard beschreibt ihn als robusten, wendigen Hüte-Spitz, der verbellt, von Natur aus sehr aufmerksam ist und die Ankunft von Besuchern "ohne aggressives Verhalten" ankündigt, und nennt die Rasse "fröhlich, freundlich, neugierig, verspielt, selbstbewusst und von sanftem Wesen". Im Alltag heißt das:
- Er bellt. Das ist der Punkt, den du ernst nehmen musst. Der VDH schreibt, die Bellfreude erfordere von klein auf erzieherische Beeinflussung, "damit sich der Islandhund nicht zum Dauerkläffer entwickelt".
- Er will bei dir sein. Drinnen und draußen, am liebsten immer. Zwingerhaltung und lange Tage allein sind nichts für ihn.
- Er ist sensibel. Harte Hand macht ihn gestresst und lauter, nicht gehorsamer.
- Er mag fast alle. Fremde und andere Hunde werden meist freundlich begrüßt. Er meldet, er schützt nicht.
Laut DCNH ist sein Jagdinstinkt nur schwach ausgebildet, und im Umgang mit Kindern ist er umgänglich und geduldig. Wie bei jedem Hütehund: Bring ihm früh bei, rennende Kinder nicht zu umkreisen.
Größe und Aussehen
Ein nordischer Hüte-Spitz, etwas unter mittelgroß, kräftig, im Rechteckformat, mit Stehohren und einer geringelten Rute, die den Rücken berührt. Rüden und Hündinnen unterscheiden sich deutlich. Es gibt zwei Haarvarianten, kurz und lang, beide mit dichter Unterwolle und sehr wetterfest. Farben: Falb und Rot in verschiedenen Schattierungen von Creme bis Rötlichbraun, grau schattiert, schokoladenbraun und schwarz, immer mit weißen Abzeichen. Gut ausgebildete doppelte Afterkrallen an den Hinterläufen sind erwünscht; fehlen sie ganz, ist das laut Standard ein Fehler.
| Rüden | Hündinnen | |
|---|---|---|
| Widerristhöhe | ideal 46 cm | ideal 42 cm |
| Gewicht | ca. 14 kg | ca. 11 kg |
| Lebenserwartung | 12-14 Jahre | 12-14 Jahre |
| Fell | kurz oder lang, doppelt, dicht | ebenso |
Der Standard nennt nur Idealgrößen und kein Gewicht. Die Gewichte sind die Angaben des amerikanischen Kennel Clubs (AKC), umgerechnet.
Bewegung und Alltag
Der Islandhund ist aktiv, aber kein Arbeitstier, das ohne Job durchdreht. Der VDH schreibt, mit entsprechender körperlicher und geistiger Auslastung sei er "ein ruhiger und angenehmer Hausgenosse". Rechne mit gut einer Stunde Bewegung am Tag, dazu Kopfarbeit: Agility, Obedience, Fährte, Treibball oder echtes Hüten. Der DCNH hat Islandhunde schon als Flächensuchhunde und Therapiehunde vorgestellt.
Seine Schwachstellen sind Lärm und Alleinsein. In einer hellhörigen Mietwohnung wird ein Hund, der jedes Geräusch im Treppenhaus meldet, schnell zum Streitthema. Ein Haus mit gut gesichertem Garten ist leichter. Das dichte Fell macht ihn zum Hund für kühles Wetter; im Hochsommer früh und spät gehen.
Erziehung
Laut DCNH macht der angeborene Hüteinstinkt die Erziehung im Vergleich zu anderen nordischen Hunden relativ einfach. Er lernt schnell, gutes wie schlechtes Verhalten. Was funktioniert: kurze Einheiten, Belohnung mit Futter und Spiel, viel Sozialisation in den ersten Monaten.
Typische Schwierigkeiten:
- Bellen. Ruhe von der ersten Woche an belohnen, ein Abbruchsignal aufbauen, nicht zurückschreien: Ein lauter Halter bellt aus Hundesicht einfach mit.
- Alleinbleiben. In winzigen Schritten üben, solange der Welpe jung ist.
- Hetzen. Autos, Radfahrer und Jogger wecken den Treibtrieb. An Straßen an die Leine, bis der Rückruf sitzt.
- Ziehen an der Leine. Ein leichter, neugieriger Hund, der überall hin will, braucht Leinenführigkeitstraining.
Pflege
Einfacher, als das Fell aussieht. Der VDH nennt das Haarkleid "verhältnismäßig pflegeleicht". Das ändert sich schlagartig im Fellwechsel, meist zweimal im Jahr: Dann fällt die Unterwolle büschelweise aus, und tägliches Bürsten und Kämmen ist sinnvoll. Sonst reicht einmal pro Woche, bei Langhaarigen vor allem hinter den Ohren und an den Hosen. Gebadet wird selten. Scheren ist nicht nötig, aber die doppelten Afterkrallen hinten nutzen sich nicht ab und müssen regelmäßig gekürzt werden.
Gesundheit
Der DCNH bezeichnet die Rasse als "durchweg gesund und langlebig". Bekannt sind laut amerikanischem Rasseclub ISAA:
- Hüftgelenksdysplasie (HD), die wichtigste orthopädische Frage.
- Katarakt (Grauer Star), in manchen Linien schon in ungewöhnlich jungem Alter.
- Distichiasis, zusätzliche Wimpern, die das Auge reizen.
- Patellaluxation, eine herausspringende Kniescheibe.
- Kryptorchismus, Hoden, die nicht absteigen.
- Geringe genetische Vielfalt. Die heutige Population geht auf sehr wenige Gründertiere zurück, deshalb begrenzen die Clubs die Würfe pro Rüde.
Der DCNH schreibt in seinem rassespezifischen Anhang vor: HD-Röntgen frühestens mit 12 Monaten, eine Augenuntersuchung, die höchstens 24 Monate alt sein darf, und Zuchtzulassung frühestens mit 20 Monaten. Hunde mit HD C1 dürfen nur mit HD A oder B verpaart werden, mit HD C2 nur mit HD A. Ein Rüde darf höchstens 8 erfolgreiche Deckakte haben, auch im Ausland. Frag beim Züchter nach HD- und Augenbefund beider Eltern und nach dem Inzuchtkoeffizienten des Wurfs.
Kosten
Ein Welpe vom Züchter kostet meist 1.500 bis 2.000 €, einzelne Züchter liegen darüber. Würfe gibt es wenige, eine Warteliste ist normal, die Züchter findest du über den DCNH und die VDH-Welpenseite. Angebote ohne VDH- oder FCI-Papiere sind bei einer so kleinen Rasse ein Warnsignal.
Laufende Kosten pro Jahr, grob:
| Posten | ca. pro Jahr |
|---|---|
| Futter (kleiner Hund, 11-14 kg) | 300-450 € |
| Hundesteuer | je nach Gemeinde |
| Hundehaftpflicht | ca. 50-80 € |
| Tierarzt, Impfungen, Parasitenschutz | 300-400 € |
| Hundeschule, Hundesport | 100-300 € |
Die Hundesteuer legt jede Gemeinde selbst fest. Eine Hundehaftpflicht ist in mehreren Bundesländern Pflicht und in NRW für den Islandhund ohnehin nötig. Einen Hundefriseur brauchst du nicht.
Für wen er passt und für wen nicht
Passt zu:
- Familien mit Kindern, die einen freundlichen, robusten, eher kleinen Hund suchen
- Aktiven Menschen, die viel wandern oder Hundesport ausprobieren wollen
- Haushalten, in denen tagsüber meist jemand zu Hause ist
- Ländlicher Umgebung und kühlem Klima
Passt nicht zu:
- Hellhörigen Mietwohnungen mit empfindlichen Nachbarn
- Menschen, die einen leisen Hund oder einen echten Wachhund wollen
- Langen Arbeitstagen ohne Betreuung
Wer einen ähnlichen nordischen Hofhund sucht, schaut auf den Norwegischen Buhund oder den Finnischen Lapphund, wer einen ruhigeren Spitz will, der weniger bellt, auf den Eurasier, wer einen kleineren, niedrigeren Hütehund sucht, auf den Schwedischen Vallhund.