In unseren Bewertungen sind die beiden Hütehunde gleichauf: Beide sind unermüdlich und sehr leicht erziehbar, haaren und brauchen eine echte Aufgabe. Unterschiede gibt es bei Herkunft, Arbeitsweise, Misstrauen gegenüber Fremden und dem MDR1-Gen. Der Australian Shepherd ist trotz seines Namens ein Amerikaner: Die FCI führt ihn mit Ursprungsland USA; entwickelt haben ihn Viehzüchter im Westen der Vereinigten Staaten. Den Namen verdankt er den baskischen Schäfern, die im 19. Jahrhundert aus Australien dorthin kamen. Der Border Collie ist nach den Grenzregionen zwischen England, Schottland und Wales benannt, und seit 1906 führt die International Sheep Dog Society (ISDS) sein Zuchtbuch nach Arbeitsleistung, geprüft bei Hütewettbewerben. So unterscheiden sie sich:
- Arbeitsweise. Der Border Collie ist der klassische Hund mit starkem „Eye“: Er läuft weit um die Herde, duckt sich, schleicht und lenkt die Schafe mit festem, intensivem Blick. Der Aussie arbeitet mit lockerem Blick, näher am Vieh und aufrecht; der amerikanische Rasseclub ASCA nennt ihn einen durchsetzungsstarken Arbeiter und einen vielseitigen Farmhund, der auch Haus und Hof bewachte.
- Fremden gegenüber. Der FCI-Standard des Aussies spricht von ausgeprägtem Hüte- und Schutztrieb und sagt, er könne bei der ersten Begegnung etwas zurückhaltend sein. Der AKC bewertet den Border Collie als etwas offener gegenüber Fremden.
- Im Alltag. Laut AKC bindet sich der Aussie so eng an seine Familie, dass er territorial und übermäßig beschützend werden kann und zerstörerisch, wenn er zu oft allein bleibt. Der Border Collie hütet auch Menschen, der AKC empfiehlt ihn deshalb für Familien mit älteren Kindern. In einer finnischen Studie mit fast 14.000 Hunden zeigten Border Collies häufiger als andere Rassen zwanghaftes Starren und das Jagen von Licht und Schatten.
- Intelligenz. Bei uns bekommen beide 5 von 5 Punkten für Erziehbarkeit. In Stanley Corens Rangliste der Arbeits- und Gehorsamsintelligenz aus seinem Buch „The Intelligence of Dogs“ steht der Border Collie auf Platz 1, der Aussie teilt sich Platz 42.
- Aussehen. Den Aussie gibt es nur in vier Farben: Blue Merle, Red Merle, Schwarz und Rot, jeweils mit oder ohne Weiß und Kupfer, und er kann mit einer natürlichen Stummelrute zur Welt kommen. Der leichtere Border Collie ist in vielen Farben erlaubt und hat mittellanges oder kurzes Haar.
- Körperbau. Der FCI-Standard verlangt beim Aussie einen soliden Körperbau, beim Border Collie kräftige, aber nicht schwere Knochen und als Idealgröße für Rüden 53 cm. Wer den Aussie-Typ kleiner sucht, findet ihn im Miniature American Shepherd, seit den 1960er-Jahren aus kleinen Aussies gezüchtet.
- Merle. Beide Rassen gibt es in Merle, und zwei Merle-Hunde dürfen nie miteinander verpaart werden: Doppel-Merle-Welpen sind oft taub und haben zu kleine, häufig funktionslose Augen. Das Qualzucht-Gutachten des Bundeslandwirtschaftsministeriums zu § 11b Tierschutzgesetz empfiehlt für Merle x Merle ein Zuchtverbot.
Der größte gesundheitliche Unterschied ist der MDR1-Defekt, durch den manche gängigen Medikamente gefährlich werden, etwa das Durchfallmittel Loperamid. Die Washington State University schätzt seine Häufigkeit beim Aussie auf etwa 50 %, beim Border Collie auf unter 5 %. Lass einen Aussie vor jeder Narkose testen. Für Zuchthunde verlangt der amerikanische Aussie-Club USASA Befunde zu Hüfte und Ellbogen sowie jährliche Augenuntersuchungen und empfiehlt DNA-Tests auf erbliche Katarakt (HSF4), MDR1 und Collie Eye Anomaly (CEA). Die amerikanische Border Collie Society verlangt Befunde zu Hüfte und Augen. Der britische Royal Kennel Club empfiehlt mehr: Augenuntersuchung mit Gonioskopie, Hüfte, Ellbogen und einen BAER-Hörtest, dazu DNA-Tests u. a. auf CEA, Trapped Neutrophil Syndrome (TNS, eine Immunschwäche), neuronale Ceroid-Lipofuszinose (CL, eine fortschreitende Erkrankung des Gehirns) und das Imerslund-Gräsbeck-Syndrom (IGS, eine erbliche Störung der Vitamin-B12-Aufnahme).
Nimm den Aussie, wenn du einen kräftigeren Allrounder für Hof und Familie suchst, der Fremde im Blick behält und dich überallhin begleitet. Nimm den Border Collie, wenn du einen leichteren, noch fokussierteren Spezialisten für Schafe, Agility oder Obedience willst und ihm jeden Tag Arbeit geben kannst. Bei beiden gilt: Lass dir vom VDH-Züchter die Gesundheitsbefunde beider Eltern zeigen.